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ECDC STI-Bericht 2026: Rekordhoch in Europa

08.06.2026

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat im Mai 2026 die STI-Zahlen für 2024 vorgelegt. Gonorrhoe und Syphilis erreichen das höchste Niveau seit Beginn der europaweiten Erfassung, kongenitale Syphilis (Syphilis, die in der Schwangerschaft von der Mutter auf das Kind übertragen wird) hat sich fast verdoppelt, Chlamydien bleiben die am häufigsten gemeldete Geschlechtskrankheit [1,2,3]. Für Österreich ist die Lage aufgrund der beschränkten Meldepflicht nur teilweise abbildbar. Für die einzelne Person heißt das wenig Neues, sondern eine Bestätigung des Trends: testen statt raten, vor allem bei Partnerwechseln und unter PrEP.

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Die Schlagzeile in einer Zeile

Die ECDC-Mitteilung vom 21. Mai 2026 fasst die Lage in einem Satz: bakterielle STI in Europa auf historischen Höchstständen, mit der besorgniserregendsten Entwicklung bei kongenitaler Syphilis. Wer die Zahl gelesen hat und sich gefragt hat, was das jetzt für die eigene Lebensrealität bedeutet, bekommt hier eine sachliche Einordnung.

Was die ECDC-Zahlen für 2024 konkret zeigen

Erreger

Fälle 2024 (EU/EWR)

Veränderung zu 2023

Veränderung seit 2015

Chlamydien

213.443

-10 % (Notifikationsrate)

-6 %

Gonorrhoe

106.331

+4,3 %

+303 %

Syphilis

45.577

+8 %

mehr als verdoppelt

Kongenitale Syphilis

140

von 78 auf 140

höchster Stand seit Beginn der Erfassung

Quellen: ECDC Annual Epidemiological Report Chlamydia, Gonorrhoea und Congenital Syphilis, Mai 2026 [1,2,3].

Chlamydien sind nach wie vor mit Abstand die am häufigsten gemeldete Geschlechtskrankheit. Bei der Notifikationsrate gab es 2024 einen Rückgang von 10 % gegenüber 2023 (von 70,6 auf 63,4 Fälle pro 100.000 Einwohner), und die Fallzahlen liegen unter dem Stand von 2015 [1]. Sechs Länder (Dänemark, Finnland, Irland, Niederlande, Norwegen, Schweden) plus England berichten klare Rückgänge, vor allem bei den 15- bis 24-Jährigen. Was hinter diesen Rückgängen steht, ist laut ECDC-Diskussion noch offen: eine Mischung aus stärkeren Präventionsbemühungen, veränderten Test-Mustern und Verhaltensänderungen nach der Pandemie ist die wahrscheinlichste Erklärung.

Gonorrhoe steigt weiter, wenn auch langsamer als in den Vorjahren. Das Plus von 4,3 % klingt klein, ist es aber nur im Vergleich zum kumulierten Anstieg von 303 % seit 2015. Interessant: 2024 stiegen die Männer-Raten um 7,9 %, während die Frauen-Raten um 8,6 % zurückgingen [2]. Das Muster zeigt, dass der Anstieg jetzt fast ausschließlich von Männern, die Sex mit Männern haben, getragen wird (62 % der Fälle mit bekannter Übertragung). Syphilis ist mit +8 % der eindeutige Verlierer der aktuellen Statistik.

Die stille Geschichte: kongenitale Syphilis verdoppelt sich

Die für Mediziner:innen alarmierendste Zahl ist die zu kongenitaler Syphilis: 140 Fälle in 14 Ländern, fast eine Verdopplung gegenüber den 78 Fällen im Jahr davor [3]. Diese Übertragung von der Schwangeren auf das Kind ist mit einem flächendeckenden Schwangerschafts-Screening und ein paar Penicillin-Spritzen vollständig verhinderbar. Dass die Zahl trotzdem steigt, ist ein Indikator für Lücken in der Versorgung, vor allem bei Frauen, die nicht oder spät in die Schwangerschaftsvorsorge kommen.

Was bedeutet das für Österreich?

Der wichtigste Befund vorab, weil er die Datenlage erklärt: Österreich meldet weder Chlamydien noch Gonorrhoe noch kongenitale Syphilis an die ECDC [1,2,3]. In den Surveillance-Tabellen steht für Österreich durchgängig "NDR" (no data reported). Das ist nicht das Versäumnis einer einzelnen Behörde, sondern eine Folge der österreichischen Rechtslage: für Tripper (Gonorrhoe), Syphilis, Weichen Schanker und Lymphogranuloma inguinale gilt eine beschränkte Meldepflicht nach §4 Geschlechtskrankheitengesetz [5]. Der behandelnde Arzt muss melden, wenn eine Weiterverbreitung der Krankheit zu befürchten ist oder sich die erkrankte Person der Behandlung entzieht. Beide Bedingungen greifen in der Praxis nicht bei jedem Fall. Klassische urogenitale Chlamydieninfektionen, Mycoplasma genitalium, Trichomonaden, HPV und HSV sind in Österreich gar nicht meldepflichtig.

Heißt für die Statistik: die ECDC-Daten zeigen die europäische Lage, aber kein verlässliches Bild für Österreich. Wer wissen will, wie Österreich pro 100.000 Einwohner im EU-Vergleich steht, findet keine belastbare Zahl, weil schlicht nicht gemeldet wird.

Für die Lebensrealität heißt das: wer in Österreich sexuell aktiv ist und auf eine epidemiologische Statistik wartet, die seine eigene Situation beschreibt, wartet auf einen Datenstand, den es so nicht gibt. Die eigene Entscheidung läuft über die persönliche Risikoabwägung, nicht über die Bundesländer-Statistik.

Antibiotika-Resistenz bei Gonorrhoe

Parallel zur Fallzahl-Entwicklung läuft das Resistenz-Monitoring weiter und hier sind die Nachrichten 2024 differenzierter, als die Schlagzeilen der letzten Jahre vermuten lassen. Die Azithromycin-Resistenz hat 2022 mit 25,6 % einen Höchststand erreicht, ist 2023 auf 23,2 % zurückgegangen und 2024 weiter auf 19,1 % gefallen [2]. Das ist gute Nachricht. Ceftriaxon, das Mittel der ersten Wahl, ist mit weniger als 0,1 % Resistenz weiterhin fast vollständig wirksam. Zwei extensiv arzneimittelresistente (XDR) Isolate wurden 2024 in Luxemburg und Norwegen detektiert [2]. Das ist klinisch noch eine seltene Konstellation, epidemiologisch aber ein Frühwarnsignal, das im Auge behalten gehört.

Was hinter den Anstiegen steht

Die ECDC nennt in den Diskussions-Abschnitten der drei Erreger-Berichte mehrere Faktoren, die in Kombination die Trends erklären [1,2]:

  • Mehr Testen findet mehr Infektionen. Vor allem unter HIV-PrEP läuft regelmäßiges asymptomatisches Screening, das laut Leitlinie alle drei Monate stattfindet und auch Rachen und Rektum mitprüft. Ein Teil des Anstiegs bei Männern, die Sex mit Männern haben, ist messbar auf diese Test-Routine zurückzuführen.

  • Verändertes Sexualverhalten. Weniger Kondomgebrauch, mehr parallele Partner:innen, mehr anonyme Kontakte und Chemsex (Drogen zur Steigerung sexueller Erlebnisse) treiben die Übertragung. Die Datenlage zu Verhaltensänderungen ist laut ECDC dünn, weil systematische Verhaltens-Surveys in Europa nicht überall etabliert sind.

  • Post-COVID-Rebound. Nach dem Einbruch der Fallzahlen 2020 und 2021 sind die Sexualnetzwerke wieder dichter geworden, Reisetätigkeit ist gestiegen, sexuelle Gesundheitsdienste wieder voll im Betrieb. Die Spitze 2022 war zum Teil ein Nachhol-Effekt.

  • Bessere Diagnostik. Sensitivere NAAT-Tests und breitere Verfügbarkeit von Self-Sampling (die getestete Person nimmt die Probe selbst, etwa Erststrahlurin oder Vaginalabstrich, und schickt sie ans Labor, statt einen Arzttermin zu brauchen) erfassen Fälle, die früher nicht detektiert worden wären.

Wichtig: die ECDC sagt selbst, dass die verfügbaren Daten nicht klar trennen können, welcher Anteil des Anstiegs auf echte Übertragungs-Zunahme zurückgeht und welcher auf mehr Testen. Wer eine simple Erklärung in einer Schlagzeile sucht, wird sie deshalb auch nicht in den Originalberichten finden.

Wo das Screening Lücken hat

Parallel zu den Surveillance-Berichten hat die ECDC im Dezember 2025 erstmals einen Monitoring-Bericht zu den nationalen STI-Antworten in EU/EWR-Ländern veröffentlicht. Dort werden mehrere konkrete Versorgungslücken benannt [4]:

  • Tests kosten Geld. In 13 von 29 Ländern müssen die getesteten Personen für mindestens einen der drei bakteriellen STI-Tests selbst zahlen. Das ist ein dokumentierter Zugangs-Hemmschuh, vor allem für junge Menschen.

  • Self-Sampling ist nicht überall verfügbar. 14 Länder bieten kein Self-Sampling für Chlamydien an, 14 keines für Gonorrhoe, 19 keines für Syphilis. Self-Sampling erhöht die Test-Reichweite messbar.

  • Schwangerschafts-Screening hat Lücken. 27 von 29 Ländern screenen routinemäßig im ersten Trimester auf Syphilis, aber nur 15 wiederholen das im dritten Trimester (routinemäßig oder risikobasiert), und nur 11 testen zum Geburtszeitpunkt. Genau das ist der Hebel, mit dem kongenitale Syphilis verhinderbar wäre.

  • Nicht-ärztliche Anbieter dürfen oft nicht testen. In vielen Ländern können Hebammen, Apotheken, NGO-Mitarbeiter:innen oder Online-Anbieter nicht eigenständig STI-Tests veranlassen. Das limitiert die Niederschwelligkeit.

  • Datenlage zur Test-Reichweite ist dünn. Nur vier Länder konnten Angaben dazu liefern, welcher Anteil schwangerer Personen tatsächlich auf Syphilis getestet wurde. Ohne diese Daten ist es schwer, Lücken systematisch zu schließen.

Für Österreich ist hier zu vermerken: in welche dieser Kategorien Österreich fällt, ist aus dem öffentlich verfügbaren Bericht nicht eindeutig ablesbar, weil das Land bei vielen Detail-Indikatoren nicht differenziert aufgeschlüsselt wird.

Was die Zahlen nicht bedeuten

Drei Dinge zur Einordnung:

  1. Ein Anstieg in der Statistik ist nicht zwingend ein Anstieg der Infektion. Mehr Testen findet auch mehr Infektionen. Ein Teil des Anstiegs spiegelt bessere Diagnostik und Outreach (PrEP-Sprechstunden, Checkpoints).

  2. Die Risikoverteilung ist nicht gleichmäßig. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sind bei Gonorrhoe und Syphilis am stärksten betroffen. Bei kongenitaler Syphilis verschiebt sich der Trend in die heterosexuelle Bevölkerung, vor allem unter Frauen im reproduktiven Alter [3].

  3. Kein Grund zur Panik. Die Behandlung der drei häufigsten bakteriellen STI funktioniert in über 95 % der Fälle beim ersten Anlauf. Das ECDC-Anliegen ist nicht Alarm, sondern Aufmerksamkeit für Testen und Partner:innenbehandlung.

Was du jetzt konkret tust

Drei Schritte, die konkret etwas ändern:

  1. Regelmäßig testen auch ohne Beschwerden. Bei Partnerwechsel, unter PrEP, alle drei bis sechs Monate je nach Risikoprofil. Mehr dazu im Artikel Keine Symptome = kein Problem?.

  2. Beide Partner:innen testen bei positivem Befund. Das verhindert den Ping-Pong-Effekt, der bei Chlamydien besonders verbreitet ist.

  3. In der Schwangerschaft auf das Syphilis-Screening bestehen. Es ist Standard, fällt aber durch, wenn die Vorsorge spät beginnt.

Fazit

Die ECDC-Zahlen für 2024 sind kein Anlass zur Panik. Sie sind ein Anlass, die eigene Test-Routine zu prüfen. STI-Test bei noquestionsasked buchen.

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Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei konkreten Beschwerden oder Fragen zur Therapie wende dich an eine Ärztin oder einen Arzt.

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Quellenliste

[1] European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Chlamydia. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC, Mai 2026. ecdc.europa.eu/en/publications-data/chlamydia-annual-epidemiological-report-2024

[2] European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Gonorrhoea. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC, Mai 2026. ecdc.europa.eu/en/publications-data/gonorrhoea-annual-epidemiological-report-2024

[3] European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Congenital syphilis. Annual Epidemiological Report for 2024. Stockholm: ECDC, Mai 2026.

[4] European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Monitoring of the responses to sexually-transmitted infection epidemics in EU/EEA countries, 2024. Stockholm: ECDC, Dezember 2025. ecdc.europa.eu/en/publications-data/monitoring-responses-sexually-transmitted-infection-epidemics-eueea-countries

[5] Geschlechtskrankheitengesetz (GeschlKG), StGBl. Nr. 152/1945 idgF, §1 und §4 (Beschränkte Meldepflicht). ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10010272 sowie Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Sexuell übertragbare Infektionen und Krankheiten. sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Uebertragbare-Krankheiten/sexuell-uebertragbare-infektionen-und-krankheiten.html

Öffentliche Quellen

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